Land: Frankreich / / Italien / Deutschland
Besetzung:
Moderation:
Wofgang Sandner (FAZ)
PROGRAMM
10.00 Uhr
Begrüßung durch die Kuratoren Rainer Kern, Hans-Jürgen Linke und Wolfgang Sandner
VORTRÄGE
Moderation: Hans-Jürgen Linke (FR) und Wolfgang Sandner (FAZ)
10:15 Uhr
„Die leise Revolution – ECM und die neue Art der Plattenproduktion“
Thomas Steinfeld (Leiter Feuilleton Süddeutsche Zeitung)
Eine Schallplatte von ECM beginnt mit einer Pause von fünf Sekunden. Erst
dann kommt die Musik, aber durch die Stille hat sie ihren Charakter
verändert: Sie erscheint als gesetzt, dem Nichts abgerungen, sie ist alles
andere als selbstverständlich. Und was immer nun kommt, verändert durch
diese negative Voraussetzung seinen Charakter: Es wird poetischer (im Sinne
von: geschaffener), manchmal auch surreal. Pausen, komponierte Stille, sind
vermutlich das wichtigste Stilelement von ECM-Produktionen. Ein Vortrag
über das Nichts als zentrales Element der musikalischen Gestaltung.
10.45 Uhr
USA – Europa: Die Reise des Jazz
Daniel Soutif (Philosoph, Kunstkritiker, Kurator)
Der Jazz, heißt es, habe den Atlantik im Gepäck der amerikanischen Armee überquert, am Ende des Ersten Weltkriegs, und sich hier festgesetzt in jenen wilden Jahren, deren unbestrittener Star Josephine Baker war. Aber der Jazz hat Europa immer wieder neu erobert, mit jeder seiner Mutationen. In den sechziger Jahren war er frei geworden, oft sehr politisch, weniger kulinarisch, dafür engagierter. In beiden Fällen fanden afroamerikanische Musiker auf dem alten Kontinent Bedingungen, die es für sie attraktiv machten, sich hier niederzulassen. Die Tonträgerindustrie hat von den verschiedenen Einwanderungswellen Spuren konserviert...
11.15 Uhr
Langsame Überblendung: ECM und die Umbettung des amerikanischen Jazz
John Kelman (Herausgeber All About Jazz, Kanada)
John Kelman berichtet vom Einfluss, den ECM in den frühen siebziger Jahren auf die Jazztradition nahm. Die neue Ästhetik der Grenzenlosigkeit gab dem amerikanischen Jazz einen neuen Kontext. Indem sich ECM gegen Schubladendenken wandte, konnten sinnlose alte Gräben überwunden werden. Musiker aus verschiedenen kulturellen Kontexten kamen zusammen, daraus entstand ein Modell für andere Labels – nicht nur für die Musik, sondern auch in Hinblick auf die innovative Klanggestaltung, das Design und die narrativen Spannungsbögen, die sich jeweils über ein ganzes Album zogen. ECM veränderte nachhaltig die Vorstellung nordamerikanischer Jazzhörer, wie Jazz klingen könnte und, vielleicht, sollte.
11.45 Uhr
„Kunst und Kommerz – Die Veränderung des Tonträgermarktes“
Susanne Binas-Preisendörfer (Professorin für Musik und Medien, Oldenburg)
Die aktuellen Diskussionen der Musik- und Medienwirtschaft kreisen um die Themen des erodierenden Urheberrecht einerseits, andererseits um die Selbstvermarktung von Kreativen im sogenannten 360°-Modell. Letzteres meint, sämtliche Aspekte der Produktion, den schöpferischen Akt, Weiterverarbeitung und Vertrieb in den „eigenen“ Händen zu halten. Die Digitalisierung scheint hierfür gute Voraussetzungen zu bieten. Das Strukturprinzip ist jedoch nicht neu: Bereits in den 1920er und 1960er Jahren kannte der Tonträgermarkt kleinere, auf konkrete Musikinteressen bezogene, nah an den Künstler/innen agierende Labels – ein nicht für jede Musik tragfähiges Modell.
12.15 bis 13.30 Uhr Mittagspause
13.30 Uhr
„Der Norden – eine Himmelsrichtung oder eine Ästhetik?“
Herbert Hellhund (Professor für Trompete, Hannover)
Wenn es stimmt, dass der Jazz seine Wurzeln in der afroamerikanischen Volksmusik hatte, dann ist es kein Wunder, dass er sich später, als er frei wurde, mit anderen volksmusikalischen Traditionen verbinden konnte. Aber ob deutsche, italienische oder mediterrane Volksmusik – all das blieben Einzelfälle. Nur in Norwegen nicht. In Norwegen entstand etwas Neues, und das liegt vielleicht nicht nur an einzelnen Musikern. Was hat die norwegische Volksmusik, das sie für den avancierten Jazz der späten sechziger Jahre besonders anschlussfähig und zu einer Quelle des postmodernen Jazz machte?
14.00 Uhr
"Lux aeterna: Eine Erkundung der Koexistenz von Jazz und Klassik"
Fiona Talkington (BBC London)
Fiona Talkington, Radiomoderatorin beim BBC, beschäftigt sich damit, wie Jazz und Klassik bei ECM nebeneinander herleben. Sie nimmt die Musik von Robert Schumann und Terje Rypdal, Bach und Christian Wallumrod als Ausgangspunkt und sieht sich deren Gemeinsamkeiten in Bezug auf Themen, Ideen, Stimmungen und Inspirationen an.
14.30 Uhr
"Oper und Jazz: einmal New Orleans und zurück; von Bechet zu Trovesi"
Francesco Martinelli
Man fing an, sich grundlegende Fragen zur Jazzgeschichte zu stellen: Ist Jazz das Ergebnis eines Aufeinandertreffens von europäischer und afrikanischer Musik? Und wenn, warum entstand er nicht an Orten mit einem weit höheren Anteil an afrikanischen Arbeitern, wie Bahia oder La Habana? Was machte New Orleans so einzigartig für den Jazz? Anhand verschiedener Beispiele werden wir versuchen, die italienische Oper und den Jazz besser verstehen zu können, auf beiden Seiten des Atlantiks.
15.00 Uhr
„Keith Jarretts Köln Concert und die historische Aufführungspraxis“
Wolfgang Sandner (FAZ)*
Gedankenlos soll man sich ans Klavier setzen, lautete das Credo von Keith Jarrett: Erst das Fehlen vorauseilender Ideen schaffe Platz für neue Formen, die sich ad hoc entwickeln. So sind seit den siebziger Jahren die Solo-Improvisationen des Jazzpianisten entstanden, mit dem „Köln Concert“ als Nukleus.
*Richard Williams („Hat ECM die Wahrnehmung des Jazz verändert?“) musste aufgrund einer Auslandsreportagearbeit leider absagen
PODIUMSDISKUSSION
16.00 Uhr
„Hat ECM die Wahrnehmung des Jazz verändert – in Europa, in Amerika?“
mit: Manfred Eicher, Richard Williams, John Kelman, Daniel Soutif.
Moderation: Hans-Jürgen Linke und Wolfgang Sandner